Ein Loblied auf Individualität und Unabhängigkeit

Wenn die Tage weniger werden und der Jahreswechsel naht, denkt der eine oder andere über gute Vorsätze im Neuen Jahr nach. Das ist für mich auch immer eine gute Gelegenheit, über grundsätzliche Werte nachzudenken, die mir sehr wichtig sind und die auch im Neuen Jahr unbedingt Gültigkeit und deutliche Priorität haben werden.

Zwei davon sind Individualität und Unabhängigkeit.

In keinem Text, der mir bekannt ist, wird dies so intensiv und so eloquent beschrieben wie in Edmond Rostands “Cyrano de Bergerac”, das 1897 uraufgeführt wurde. Das Stück selber ist schon genial und wirkt auch heute noch sehr modern, der folgende Monolog vom Protagonisten Cyrano de Bergerac drückt aber exakt das aus, worauf es bei einer unabhängigen und individuellen Lebensgestaltung ankommt. Ich hatte diese Textpassage jahrelang am Badezimmerspiegel hängen und habe sie jeden Morgen kurz durchgelesen. Cyrano antwortet hier auf seinen Freund Le Bret, warum er sich nicht an die Regeln des in dieser Zeit herrschenden Literaturbetriebs anpasst und sich nicht die Gunst des Kardinals erarbeitet, um als Dichter und Schriftsteller auch kommerziell erfolgreich zu werden. Hier seine Antwort:

Cyrano:
Wie soll ich’s halten künftig?
Mir einen mächtigen Patron entdecken
Und als gemeines Schlinggewächs dem Schaft,
An dem ich aufwärts will, die Rinde lecken?
Durch List empor mich ranken, nicht durch Kraft?
Nein, niemals! Oder soll ich, wie so viele,
Ein Loblied singen auf gefüllte Taschen,
Soll eines Hofmanns Lächeln mir erhaschen,
Indem ich seinen Narren spiele?
Nein, niemals! Oder soll ich Kröten schlucken,
Auf allen vieren kriechen, gleich dem Vieh,
Durch Rutschen wund mir scheuern meine Knie,
Kreuzschmerzen leiden durch beständ’ges Ducken?
Nein, niemals! Soll ich einem Schäfchen gleichen,
Um selbst mir eins ins Trockene zu bringen?
Soll Honig streun, um Zucker einzustreichen?
Und unermüdlich Weihrauchfässer schwingen?
Niemals! Soll ich als lust’ger Zeitvertreiber
Nach großem Ruhm in kleinem Kreise spähn,
Damit sich von den Seufzern alter Weiber
Des Dichterschiffleins schlaffe Segel blähn?
Niemals! Für meine Verse dem Verleger,
Der sie mir druckt, bezahlen runde Summen?
Niemals! In der Verbrüderung der Dummen
Gefeiert werden als der Bannerträger?
Ein einziges Sonett wie ein Hausierer
Vorzeigen, statt noch andre zu verfassen?
Niemand talentvoll nennen als die Schmierer?
Vor jedem Literatenklatsch erblassen
Und eifrig forschen: Werd ich anerkannt?
Hat der und jener lobend mich genannt?
Niemals! Stets rechnen, stets Besorgnis zeigen,
Lieber Besuche machen als Gedichte,
Bittschriften schreiben, Hintertreppen steigen?
Nein, niemals, niemals, niemals! Doch im Lichte
Der Freiheit schwärmen, durch die Wälder laufen,
Mit fester Stimme, klarem Falkenblick,
Den Schlapphut übermütig im Genick,
Und je nach Laune reimen oder raufen!
Nur singen, wenn Gesang im Herzen wohnt,
Nicht achtend Geld und Ruhm, mit flottem Schwunge
Arbeiten an der Reise nach dem Mond
Und insgeheim sich sagen: Lieber Junge,
Freu dich an Blumen, Früchten, selbst an Blättern,
Die du von deinem eignen Beet gepflückt!
Wenn dann vielleicht bescheidner Sieg dir glückt,
Dann mußt du nicht ihn teilen mit den Vettern;
Dann darfst du König sein in deinem Reiche,
Statt zu schmarotzen, und dein Schicksal sei,
Wenn du der Buche nachstehst und der Eiche,
Nicht hoch zu wachsen, aber schlank und frei.

Der volle Text kann hier nachgelesen werden.
Den Originaltext in Französisch gibt es hier.