Robert Gomringer kritisiert einseitige Berichterstattung zu S21 im SWR

Hier ist ein offener Brief von Robert Gomringer an den SWR, den ich in meinem Blog veröffentliche:

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Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe bisher die Kultur der öffentlich-rechlichen Sender immer gegenüber den Privaten vorgezogen. Zwischenzeitlich bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, da ich immer mehr den Eindruck von staatsnaher Hofberichterstattung habe. Sie verkündeten, dass mehrere Tausend Leute demonstriert hätten; nun es waren immerhin mehr als 50 000; entsprechend halbiert die Zahlen der Polizei, was zwischenzeitlich allgemeine Heiterkeit hervorruft. Aber auch hier deutlich mehr als die Tausende.

Dann haben Sie zum wiederholten Male den Professor Brettschneider als Fachmann für Kommunikation interviewt. Nun ist der Mann eindeutig Partei und Stuttgart 21 für ihn ein Kommunikationsproblem der Landesregierung. Wenn nun unter dem Eindruck von Objektivität unverhohlen offizielle Positionen der Regierung in etwas weicherer Form dargebracht werden, dann verstößt das gegen journalistische Sorgfalt.

Zwei Beispiele: Herr Brettschneider warnt vor weiterer Eskalation; er sieht sie verbal angelegt, u. a. weil Vergleiche zwischen der letzten DDR-Regierung und der Landesregierung angestellt worden seien. Kein Wort zu der Eskalation durch die Polizei mit gewalttätigem Vorgehen gegen friedliche Jugendliche und auch ältere Demonstranten, die rund 400 Verletzte forderte und als deren Folge zwei Menschen der Verlust des Augenlichts droht. Der Herr Professor fordert Gespräche aber nur über die Gestaltung des freiwerdenden Areals; er propagiert also unverhohlen die Position der Landesregierung.

Die Tatsache, dass solch eindeutige Propaganda für Stuttgart 21 als vermeintlich objektive Beurteilung durch einen vermeintlichen Fachmann dargestellt wird, stellt eine klare Verletzung journalistischer Sorgfaltspflicht dar.

Ich hoffe Sie nehmen ihren Auftrag zur Unparteilichkeit künftig ernster.

Mit freundlichen Grüßen

Robert Gomringer (bisher ein geneigter Seher und Hörer des SWR)
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